DIE EWIGKEIT IM AUGENBLICK

Die Ewigkeit im Augenblick

Spätestens, wenn die eigene Hochzeit eine Weile zurück liegt und Braut oder Bräutigam von damals das Hochzeitsalbum hervor holen, um die allmählich verblassenden Erinnerungen wieder aufzufrischen, dringt es ihnen ins Bewusstsein: dieser Tag und all die Erlebnisse des Tages sind unwiederbringliche Vergangenheit. Ein Puzzle aus Augenblicken, Gedanken, Worten, Taten. Diesen Tag wird es nie wieder geben, einen solchen Tag werden sie niemals wieder erleben.

Ich weiß, Hochzeitsfotografen sprechen gern von ‚Bildern‘ oder ‚Erinnerungen‘ für die Ewigkeit. Sie wollen damit den Stellenwert von Hochzeitsfotos hervor heben und die die Bedeutung, die die Hochzeitsfotos eines Tages für die Brautpaare, ihre Kinder oder sogar ihre Enkel haben werden. Viele meiner geschätzten Kollegen verwenden diese Metapher und auch gute Freunde von mir. Selbstverständlich ist es eine Frage der Perspektive oder dessen, was man unter Ewigkeit versteht. In meinen Augen trifft das Bild vom Bild für die Ewigkeit aber überhaupt nicht zu. Fotos sind nicht für die Ewigkeit, sie sind vergänglich, wie alles andere auf dieser Welt auch. Wenn überhaupt, dann spreche ich doch lieber von der Ewigkeit im Augenblick. Aber dazu später mehr.

Die Ewigkeit ist verdammt lang und wir können sie uns nicht im Entferntesten vorstellen. Wir wissen, wie vergänglich die Dinge und wir selbst sind. Aber eine Vorstellung von der Ewigkeit – das dürfte schwierig sein. Was wir uns allerdings sehr gut vorstellen können, weil es Teil unserer persönlichen Erfahrungen ist, ist das Gegenteil von Ewigkeit, der Augenblick. Augenblicke geschehen fortwährend. So plötzlich sie kommen, so schnell gehen sie auch wieder. Und in ihrer Summe ergeben sie – genau – die Ewigkeit. Das bedeutet ja im Umkehrschluss, dass jeder Augenblick ein Teil der Ewigkeit ist. Naja, praktischen Nutzen bringt uns diese Erkenntnis zunächst noch nicht.

Natürlich erleben wir nicht jeden Augenblick bewusst, vielmehr ziehen fast alle Augenblicke an uns vorüber, ohne dass wir Notiz von ihnen nehmen. Wäre unser Bewusstsein fähig, jeden Augenblick, den wir erleben, gedanklich eine Weile fest zu halten und ihn sozusagen von allen Seiten zu betrachten, zu analysieren, zu kategorisieren und erst dann in die Ewigkeit zu entlassen… was wäre das für ein intensives und zugleich verrücktes Leben. Egal, ob gut oder schlecht, wir können uns so gerade eben auf einige ganz ganz wenige Augenblicke konzentrieren.

Und jetzt wird es spannend. Wie gesagt, wir sind nicht in der Lage, alle Augenblicke zu registrieren, aber wir können Augenblicke aus der Menge heraus ziehen und in unser Bewusstsein rufen. Nun bin ich weder Psychologe, Neurologe oder sonstiger Wissenschaftler. Trotzdem scheint es mir, als würde unser Geist extrem viel Zeit damit verbringen, solche Augenblicke zu erkennen und gedanklich fest zu halten, die wichtig für unser Leben sind. Dann, bei Betrachtung der heraus gefischten Augenblicke, stellen wir tatsächlich hin und wieder fest, dass sie eine tiefere Bedeutung für uns haben. Nicht unbedingt, weil sie etwas verändern, sondern weil sie uns etwas zeigen. Sie zeigen uns beispielsweise, warum unser Leben so ist, wie es ist. Oder sie zeigen uns, dass sich Dinge wiederholen. Oder sie zeigen uns, dass nicht alles Zufall ist. Manchmal lassen sie uns sogar ahnen, wohin unsere Reise in Zukunft geht. Solche Augenblicke geben uns ein Gefühl dafür, was die Ewigkeit sein könnte. Das wäre dann das, was ich die Ewigkeit im Augenblick nenne.

Hier schließt sich der Kreis: Meine Aufgabe als Hochzeitsfotograf ist es, Augenblicke fest zu halten, nicht Ewigkeiten. Wobei die Kunst darin besteht, die wichtigen Augenblicke zu erkennen und sie von den weniger wichtigen zu trennen. Im Laufe eines Hochzeitstages entstehen hunderte Fotos von Augenblicken. Jedes Bild zeigt einen Teil des Tages, wir Hochzeitsfotografen nennen das dann der Einfachheit halber Hochzeitsreportage.

Der Anspruch oder das Ziel, mit dem ich in jede Hochzeitsreportage starte ist, dass jedes einzelne Bild, das ich später an das Brautpaar aushändige, etwas ganz Besonderes ist, weil es einen einzigartigen Augenblick zeigt und im Idealfalle sogar eine Geschichte drum herum erzählt. Wenn unter den Fotos dann das eine oder andere ist, das dem Brautpaar, den Gästen oder auch einer unbeteiligten Person dieses oben beschriebene Gefühl der Ewigkeit vermittelt, umso schöner. Allerdings wäre eines Illusion: dass diese Bilder für die Ewigkeit sind.

Das Titelfoto zeigt Braut und Brautvater unmittelbar nach der Trauung. Es ist so ein Foto, das das Potential hat, ein Stück Ewigkeit im Augenblick zu sein. Vielleicht für die Braut, vielleicht für den Brautvater oder die Brautmutter, vielleicht für die Enkel des Brautpaars, vielleicht aber auch für mich selbst. Wer weiß?

2017-10-18T13:08:28+00:00